Laudatio von Senator Steffen Bockhahn zur Verleihung des Sozialpreises 2025
Pressemitteilung vom
Meine sehr geehrte Damen und Herren,
die Themen soziale Verantwortung, Fürsorge, Zusammenhalt und Finanzierbarkeit des Sozialstaates sind Dauerbrenner in der gesellschaftlichen und auch der politischen Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland. Die Diskussion unterliegt aber nach meinem Eindruck wellenförmigem Charakter. Es gibt Phasen, da wird es häufiger und intensiver diskutiert, und Phasen, in denen stehen diese Themen nicht so stark im Vordergrund.
Mein Eindruck ist der, dass es scheinbar solche Zeitfenster gibt, in denen über die Verbesserungen von Sozialleistungen und somit auch über die Ausweitung des Engagements des Staates und der Gesellschaft gesprochen wird. Und dann gibt es die Phasen, in denen man die eben beschlossenen, fachlich und menschlich sicher meist sehr wünschenswerten Dinge auch bezahlen muss.
Häufig werden neue soziale Standards in solchen Zeiten diskutiert und beschlossen, in den die öffentlichen Haushalte in guter Verfassung sind. Wenn der Staat aber gerade nicht über ausreichend Einnahmen verfügt, um die beschlossenen Ausgaben zu tätigen, wird wie selbstverständlich zuerst über Sozialausgaben gesprochen.
Gerade heute hat das so genannte Rentenpaket nun den Deutschen Bundestag passiert. Es ist viel diskutiert worden und ich bin mir fast sicher, dass die wenigsten wissen, was eigentlich dort beschlossen ist, und was die Diskussionspunkte waren. Aber es ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Diskussionen zurzeit laufen. Da wird darüber gesprochen, dass die Zahl derer, die in die Rentenkasse einzahlen, deutlich geringer wird, und die Zahl derer, die aus der Rentenkasse finanziert werden sollen, deutlich größer wird und es natürlich hierbei ein Ungleichgewicht gibt.
In dieser Diskussion kann man immer wieder zu dem Eindruck kommen, dass Menschen, die Sozialleistungen beziehen, zunächst Ballast seien. Wir reden hier immerhin über Menschen, die ein Arbeitsleben hinter sich haben. Das scheint mir in der Debatte etwas zu häufig aus dem Blickpunkt zu geraten. In diesem Prozess passiert aber etwas, dass mir Sorgen macht: Es wird nämlich der eine Teil der Bevölkerung gegen den anderen Teil der Bevölkerung ausgespielt, ob freiwillig oder unfreiwillig spielt dabei keine Rolle. Im Ergebnis erleben wir, dass nicht das Soziale, die Gemeinschaft, der Zusammenhalt im Mittelpunkt stehen, sondern nur die Einzelinteressen - und das ist nicht gut.
Wir hören in dieser Diskussion von denen, die das Rentenniveau für zu hoch halten, also meinen, das Rentnerinnen und und Rentner weniger Geld vom Staat bekommen sollten, übrigens selten, dass die Rente auch vom Vermögen abhängig sein sollte. Ich möchte Ihnen das kurz beschreiben, was ich meine: Wenn Sie Unterstützung für die Kosten des Platzes im Pflegeheim brauchen, wird aus meiner Sicht zurecht zunächst darauf geschaut, ob sie noch Vermögen haben. Wenn sie also noch ein volles Bankkonto haben, müssen Sie zunächst ihr eigenes Geld aufbrauchen, bevor der Staat sie bei der Finanzierung ihres Pflegeplatzes unterstützt. Genauso ist es bei vielen anderen Sozialleistungen. Es gilt der Grundsatz, dass zunächst das eigene Vermögen, das eigene Geld eingesetzt werden muss, bevor die Solidargemeinschaft unterstützend einspringt.
Warum kommt eigentlich niemand von den eben Angesprochenen auf die Idee zu sagen, dass Rente nur der bekommt, der sie auch braucht? Wer sein Leben lang so viel Vermögen aufbauen konnte, dass er auch im Alter davon gut leben kann und nicht darauf angewiesen ist, Rente zu kassieren, braucht doch nicht die gleiche Unterstützung wie jemand, der gerade 1.200 Euro aus der Rentenkasse bekäme und davon auch noch seine Wohnung und Weihnachtsgeschenke für die Enkel bezahlen muss - von den Kosten des allgemeinen Lebensunterhaltes mal ganz abgesehen.
Haben Sie mal beobachtet, welch rauer Ton sofort Einzug hält, wenn darüber nachgedacht wird, auch Einkommen aus Zinsen, Vermietung oder Erträgen aus Unternehmensveräußerungen, Aktien, Dividenden und ähnlichem in die Finanzierung von Rente und Sozialleistung einzubeziehen? Diejenigen, die also von der Einzahlung in die Solidarsysteme schon heute befreit sind, wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, die Systeme zu unterstützen, deren Hilfe auch sie im Zweifel in Anspruch nehmen dürften. Es sind in der Regel Menschen, die ihr Einkommen nicht durch körperliche Arbeit, durch die Pflege von Angehörigen oder kranken Menschen, durch Tätigkeiten im Bildungssystem oder der Verwaltung beziehen.
Meist sind es Menschen, die mit Geld Geld verdienen. Aus meiner Sicht ist es legitim, mit Geld Geld zu verdienen. Nun müssen wir uns als Gesellschaft fragen, ob wir darauf verzichten können, diese Einkommensarten aus der Finanzierung unserer solidarischen Systeme auszuschließen.
Im Ergebnis haben wir nämlich in Deutschland nach meiner Überzeugung zu wenig Geld, um das Notwendige zu tun. Daher freue ich mich, dass die Hanse- und Universitätsstadt Rostock auch in diesem Jahr wieder den Sozialpreis, der mit 3.500 Euro dotiert ist, verleihen wird. Denn auch wenn die Stadt selbst durch die Finanzierung von Sozialleistungen in erheblichen Haushaltsschwierigkeiten ist, halten wir es für richtig und notwendig, soziales Engagement, das über das Erwartbare hinausgeht, auf diese Weise zu würdigen, sichtbar zu machen und zu fördern.
An dieser Stelle darf ich mich bei allen bedanken, die sich sozial engagieren, die sich einbringen, die helfen, die unterstützen, die einfach da sind. Ich darf mich bedanken, bei den vielen tollen Frauen und Männern in meiner Verwaltung, die in ihrem Rahmen und mit ihren Möglichkeiten versuchen, dieses Engagement zu unterstützen. Ich darf mich bedanken bei all denen, die in diesem Jahr Vorschläge für den Sozialpreis gemacht haben, und ich darf mich bedanken bei der Kommission, die die Entscheidung getroffen hat, die ihnen gleich verkünden darf.
Eingegangen ist der Vorschlag Wael Sukar. Er ist Bundesfreiwilligendienstleister, 2016 als geflüchteter Mensch zu uns gekommen und hat ein Projekt initiiert, das "Pass(t)genau" heißt. Dabei hatte er über 30 Menschen zur Einbürgerung beraten und hat auf diese Weise nicht nur geholfen, sondern auch den Aufwand für die einzubilden und die Behörden erheblich reduziert. Er pflegt Kooperationen mit dem Peter Weiß Haus, dem Verein Soziale Bildung e.V. und Jugend spricht. Vielen Dank für das Engagement und wir hoffen, uns auch weiterhin auf diese Unterstützung verlassen zu können.
Vorgeschlagen wurden auch die Trauer Lotsen e.V., vertreten durch Dr. Felix Bock, Dr. Anette, Seifert und Marita Rambo. Unsere Gesellschaft erlebt seit Jahren einen regelrechten Jugendwahn. Ich habe eben schon über das Thema Rente gesprochen, denn auch dort wird deutlich, dass die Themen des Alterns, des Alters und erst recht die des Abschiednehmens gerne ausgeblendet werden. Und auf diese Weise kommt es dann auch immer wieder dazu, dass Menschen sich mit dem Ende des Lebens, also dem Tod, nicht rechtzeitig oder einfach gar nicht auseinandersetzen. Wenn es dann aber soweit ist, wenn Verwandte oder Bekannte aus dem Leben gerissen werden oder auch erwartbar gehen müssen, sind viele davon zunächst völlig überfordert. Das sage ich, um da nicht missverstanden zu werden, ohne jeden Vorwurf. Es ist zutiefst emotional und die einen können solche Situationen besser verarbeiten als die anderen. Das ist nicht gut oder schlecht. Es ist anders. Niedrigschwellige Beratungsangebote und Unterstützungsleistungen, die nicht sofort zu einer psychotherapeutischen Behandlung im ohnehin überforderten Gesundheitssystem führen, gibt es da gar nicht so oft. Deswegen bedanken wir uns für die Arbeit der Trauer Lotsen, die genau hier einspringen und helfen.
Till Hamann hat die Auswahlkommission begeistert. Er ist über die offene Kinder- und Jugendarbeit des Stadtteil- und Begegnungszentrums Börgerhus in Groß Klein auf die Idee zu einem Engagement gekommen. Wo können Kinder und Jugendliche mit klaren Regeln, aber vor allem straffrei der Kunstform Graffiti nachgehen und wo können sie das in Groß Klein tun? Diese Frage hat Till Hamann bewegt. Mit dem Projekt „Groß Klein sprayt“ ist er im Quartier unterwegs und sucht nach Flächen, die für diese Form der Jugendkultur genutzt werden können und das ohne Sanktionen. Es ist eine Form von Beteiligungsformat und Engagement im Quartier, die der Auswahlkommission Respekt abverlangt. Wir wünschen uns, dass Till Hamann dafür im Bereich der Engagementförderung Anerkennung erhalten würde.
In Toitenwinkel am Sternplatz ist der Zukunftsladen zu Hause. Die gute Seele. Dort ist Maria Schulz. Sie wurde stellvertretend für den Zukunftsladen vorgeschlagen, weil eben dieser ein Anlaufpunkt im Quartier ist, wo geholfen wird, wo zusammen geführt wird, wo Ideen entstehen und bei der Umsetzung von Ideen unterstützt wird. Die Angebote sind vielfältig und das Engagement außerordentlich. All das passiert durch eine große Herzlichkeit und Zugewandtheit. Wir sind dankbar für dieses Projekt an diesem Ort mit Menschen wie Maria Schulz.
Die Hanse- und Universitätsstadt Rostock kann sich glücklich schätzen, dass das Psychosoziale Zentrum - kurz PSZ - hier gegründet wurde und tätig ist. Viele der Menschen, die als Geflüchtete in Rostock eine neue Heimat fanden, haben in ihrer Vergangenheit traumatische Erfahrungen machen müssen. Und wenngleich es uns in Rostock im Vergleich zu anderen Teilen unseres Bundeslandes noch ganz gut geht, müssen wir attestieren, dass die Versorgung mit ambulanten, aber auch stationären Angeboten der Traumatherapie ausbaufähig ist. Insbesondere für Menschen, die im Asylverfahren sind, bedeutet das eine immense Hürde. Sie leiden unter ihren psychischen Belastungen und finden keine Hilfe. Genau hier springt das Psychosoziale Zentrum ein. Leider ist dieses Angebot stark in seinem Bestand gefährdet. Ohne eine massive Unterstützung von Bund und Land wird es nicht aufrecht zu erhalten sein. Gerade erleben wir, dass die Finanzierung für 2026 nicht gesichert ist und wir uns ernsthaft Sorgen machen müssen, ob es dieses wichtige Projekt auch nächstes Jahr noch geben wird. Leider würden die 3.500 Euro des Rostocker Sozialpreises nicht ansatzweise den Finanzbedarf dieses so wunderbaren und notwendigen Projektes decken.
Einer der größten Rostocker Vereine, wenn gleichwohl für viele nicht einer der bekanntesten, ist der Internationale Fußballclub Rostock - kurz: IFC Rostock. Dieser Sportverein ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes, denn neben den zweifelsfrei wichtigen sportlichen Angeboten wird hier ganz stark auf soziale Integration, auf Unterstützung und die Stärkung von Menschen gesetzt. Das Ganze geschieht nahezu ohne Fördermittel und fast vollständig durch freiwilliges Engagement, die respektvolle Begleitung die Unterstützung trotz sprachlicher oder sozialer Barrieren gehören zum Selbstverständnis des Vereins.
Sprache, Herkunft oder Status sind keine Hürden, sondern Anlass für geliebte Menschlichkeit. Die Angebote des IFC findet man in der ganzen Stadt. Man macht es sich nicht bequem in seiner Wohlfühlgegend, sondern begibt sich dorthin, wo Unterstützung gebraucht wird. Das Ganze geschieht regelmäßig in Kooperation mit anderen Partnern, die zum Beispiel auf Mietzahlungen durch den IFC verzichten, um gemeinsame Projekte möglich zu machen.
Es gibt viele Angebote, die nicht nur Menschen mit Fluchthintergrund, sondern auch Menschen mit sozialer Barriere oder Menschen, die sich aus anderem Grund ausgegrenzt fühlen könnten, erreichen. Auch ihnen streckt der IFC die Hand aus. Mit ihnen gemeinsam wird neben der sportlichen Aktivität Inklusion im besten Sinne gelebt. Wir möchten uns beim IFC bedanken, nicht zuletzt für Projekte wie die sportliche Integration geflüchteter Frauen. Dort gibt es ein geschütztes wöchentliches Sportangebot für Frauen, das Körper, Psyche, Sprache und Selbstvertrauen stärkt. Ebenso bedanken wir uns für „Break Isolation“ für geflüchtete Männer, wo ebenfalls durch Sportangebote der Fokus auf Stressabbau, Gesundheitsförderung und soziale Teilhabe gelegt wird. Dieser Dank richtet sich auch an die Kooperationspartner von den Kanufreunden Rostocker Greif, der Michaelschule und Rostock hilft.
Meine sehr geehrte Damen und Herren,
die Hanse- und Universitätsstadt Rostock bedankt sich beim Sozialpreisträger 2025 dafür, einen konkreten Beitrag zu sozialer Integration auch geflüchteter Menschen zu leisten, das Miteinander in der Stadtgesellschaft zu fördern und mit einem hohen Maß an Ehrenamtlichkeit ein sichtbares Zeichen für Offenheit, Solidarität und Respekt zu setzen.
Vielen Dank an den Internationalen FC Rostock!




