Der Rostocker Kunstpreis 2025 wurde heute, am 17. Januar 2026 in der Kunsthalle Rostock an Giacomo Orth verliehen.
Der Rostocker Kunstpreis wird seit 2006 für wechselnde Genres ausgeschrieben und verliehen. Der Kunstpreis wurde von der Kulturstiftung Rostock e.V. initiiert. Die PROVINZIAL-Versicherung fördert den Preis mit 10.000 €. Er wird gemeinsam mit der Hanse- und Universitätsstadt Rostock und der Kunsthalle Rostock verliehen. Der Rostocker Kunstpreis 2025 wurde für Künstlerische Grafik ausgeschrieben. Die Jury hat am 6.10.2025 aus dem Kreis der 43 Bewerbungen (davon eine Künstlergruppe, 32 Frauen, 14 Männer) folgende Kandidatin und Kandidaten für den Preis nominiert:
Christoph Knitter (Rostock)
Giacomo Orth (Bad Doberan)
Hannes Schützler (Qualitz)
Pauline Stopp (Greifswald)
Mitglieder der Jury waren:
Prof. Christian Weihrauch (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig)
Prof. Hanka Polkehn (Hochschule Wismar)
Prof. Christian Frosch (Universität Greifswald, CDFI)
Dr. Kornelia Röder (ehem. Staatliche Museen Schwerin)
Dr. Merete Cobarg (ehem. Kunstsammlung Neubrandenburg)
Dr. Uwe Neumann (Kunsthalle Rostock)
Antje Schunke (Kunsthalle Rostock)
Dr. Heidrun Lorenzen (Kulturstiftung Rostock e.V.)
Gabriele Struck (Kulturstiftung Rostock e.V.)
Prof. Dr. Wolfgang Methling (Kulturstiftung Rostock e.V., Moderation)
Die Entscheidung der Jury erfolgte einvernehmlich nach intensiven fachlichen Diskussionen. Die Laudatio wurde von Prof. Christian Weihrauch (Leipzig) gehalten. In seiner Laudatio würdigte er das künstlerische Schaffen alle vier Nominierten und begründete die Juryentscheidung.
Das Gesamtverfahren für den Rostocker Kunstpreis wird getragen durch die Kultur-stiftung Rostock e.V., die Versicherung PROVINZIAL NORD und die Kunsthalle Rostock. Es wird wesentlich unterstützt durch
die Nordwasser GmbH
Robérs Blumenfabriek
die Hochschule für Musik und Theater Rostock
die Akademie der Norddeutschen Philharmonie Rostock
Sehr geehrtes Publikum, sehr geehrte Anwesende und Gäste, Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, Werter Herr Neumann,
Ihnen und den vier nominierten Künstler*innen:
Christoph Knitter, Giacomo Orth Hannes Schützler und Pauline Stopp
Ein herzliches Willkommen zur heutigen Preisverleihung! Wie hält man eine Rede über vier künstlerische Positionen, die sich zwar vordergründig im diskreten Metier der künstlerischen Grafik aufhalten aber deren Impetus durchaus unterschiedlich und deren Haltung auf ganz verschiedenen Terrains intensiv behauptet wird?
Es sind vier ganz eigene Positionen im Sinne der Ausschreibung zu diesem hiesigen Kunstpreis ausgewählt worden. Die Arbeit der Jury kann ich nur im Rückblick als sehr angenehm, sachlich und interessant beschreiben. Das lag einerseits an der guten Vorbereitung durch den Verein der Kulturstiftung Rostock, andererseits auch am durchweg hohen Niveau der 43 Bewerbungen. Die künstlerische Grafik in Mecklenburg-Vorpommern ist ein vitales und vielseitiges Medium der hiesigen Künstlerinnen und Künstler. Durch die gezielte Förderung mit diesem Kunstpreis an der Kunsthalle Rostock werden die vielen interessanten Lebenswege und neuen Strategien der jungen Generation öffentlich und museal gewürdigt. Das sucht im Übrigen auf Länderebene seines Gleichen. Unsere nominierten Kandidat*innen sind also in ihrer Handschrift und in ihrer Intention ganz verschieden.
Trotz dem sieht man hier in dieser schönen Ausstellung den ganzen Einsatz für die Kunst, die Kunst auf Papier und für die Zeichnung. Wir haben es hier mit einer Gattung zu tun, deren Begleitung in öffentlichen Häusern nicht sehr oft und wenn, leider eine Erläuterung des Randständigen, eine Erwähnung des Leisen in der Kunst bedarf. Schließt man sich dem aber aus und bedenkt die eigentliche Essenz der grafischen Geste für die gesamte Kunstgeschichte und lässt sich dann ganz auf die Betrachtung ein werden auch die vielen Besonderheiten und Facetten der zeichnerischen Möglichkeiten und poetischen Entscheidungen sichtbar.
Es ist schön, dass in diesem hellen und gut proportionierten Museum und mit diesem wichtigen Kunstpreis in Rostock solche Formate gewürdigt und mit der Öffentlichkeit ins Licht geführt werden. Vielen Dank an dieser Stelle an die Kunsthalle, den Verein, das Team der Mitarbeitenden, und der Jury die diese Präsenz der Grafik mit diesen vier ausgewählten zeitgenössischen Haltungen möglich gemacht haben. Meinen Dank stellvertretend für die Künstler*innen möchte ich auch dem Sponsor des Preises hiermit aussprechen.
Was sehen wir?
Ich könnte meine Worte nun in den üblichen Beschreibungen der einzelnen Bildwelten und formalen Details der vier Künstler*innen ausführen. Da Sie hier aber noch viel Gelegenheit zur eigentlichen Betrachtung haben, lassen Sie mich bitte mit einem Zitat beginnen: Wir betreten unser Bewusstsein: wie in einem Märchen ist es dort früher Morgen auf einer Wiese im Frühsommer: wenn wir neugierig sind; (…) Jemand sieht so viele gleichgültige Gegenstände und verliert sich nach und nach aus dem Bewusstsein– dann sieht er einen Gegenstand den er nicht sehen will oder den er gern länger sehen möchte oder den er gern erwerben möchte so daß der Gegenstand ein Gegenstand seiner Schaulust seines Willens seines Unwillens wird und er ihn anschaut oder ihn abwehrt oder ihn haben will: so kommt er wieder zu Bewusstsein so kommen wir wieder zu Bewusstsein.
Was Peter Handke hier aus seinem Gedicht „ Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt“. zu deklinieren versucht ist nicht weniger ein poetischer Versuch, die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu beschreiben. Hier geht es auch wohl darum:
Um der sichtbaren Welt auf die Spur zu kommen bedarf es sicher also nicht nur der genauen Beobachtungsgabe oder einem strategischen Eigenauftrag sondern auch der inneren Freiheit und seismischen Wanderung des Auges bis zur wirklichen Entscheidung auf freiem Gelände, dem weißen Blatt; bis hin zur Linie und zum Punkt.
Das ablesbare Ergebnis, die Landkarte der Zustände, also das eigene Terrain wird an der Stiftspitze immer dann sichtbar wenn die Summe des zeichnerischen Vermögens mit dem Weglassen und den vielen Fehlern in Gänze eingebettet bleibt und wenn man sich gelassen hingibt in die Zwischenwelt, zwischen Wachheit und Begehren, zwischen Geduld und plötzlicher Regung. Die kleinformatigen Bildreihen von Christoph Knitter changieren zwischen dem Sujet der Landschaft und der offenen Abstraktion, er nutzt ein bewegliches Prinzip der ornamentalen Konturen und der colorierten Zeichnung und er hat damit wirklich ein Motiv: Es sind zugängliche Orte, Tatorte der Zeichnung, die auch aus einem Grafik Novel stammen könnten. Christoph Knitter ist 1990 in Rostock geboren und hat sich nach seinem künstlerisch pädagogischen Studium in Leipzig und Kiel in vielfältiger Art um kommunikative Prozesse über seine Grafiken hinaus bemüht. Seine künstlerische Arbeit beschränkt sich nicht auf den Rückzugsort im Studio sondern denkt immer den öffentlichen Raum, die Botschaft und die Ansage mit, ob in gedruckter Form, Illustration oder als Plakat im Draussen.
Die atmosphärischen Partikel in den Blättern sind wie Layer über scherenschnitt-artige Formen gelegt und in frischer kleinteiliger Härte ausgeführt. Es wird nie beschaulich in den Streifzügen Knitters, eher grell und plötzlich kann diese Welt aus Idylle und Alltag implodieren oder sich in eine fiktive Komposition; kaleidoskopartig in ein Muster verwandeln. Die Vielgestalt seiner poetischen Formen und eine Prise Humor erlaubt ihm die Freiheit zwischen introvertierter Selbstbefragung und provokanter Mitteilung über die Grafik hinaus.
Kommt man aus dem grellen Licht in ein Gewölbe beginnt sich das Auge nur langsam an die Dunkelheit zu gewöhnen, man sieht die Wände und Formen und erahnt zunehmend wo man sich befindet. Giacomo Orth, 1996 in Rostock geboren, zeichnet in den tieferen Lagen und Dunkelheiten seiner medialen Zeichnungsprojekte auch soweit bis er zur Orientierung findet. In den schwarz grauen Partien seiner Blätter mäandern die Schraffuren und Texturen bis sich reliefhafte Wahrnehmungen ergeben, die nicht unbedingt dem Diktum der plastischen Erscheinung folgen müssen. Die grobe Richtung ergibt sich zwar aus der Vorlage und dem Wissen, nun gerade, ein Foto einer Baumgruppe zu zeichnen, jedoch die Ausführung dieser feinen räumlichen Deklination zwischen absoluter Intensität und anonymer Leerstelle ist Sache des Zeichners, und erfordert im gesteckten Rahmen der Vorlage maximale Komposition als Programm. Giacomo Orth, zeichnet an medialen Zuständen, die nicht die Präsenz einzelner Dinge meinen, sondern die Verhältnisse von aufwändiger Interaktion in Zeitlupe zur bildnerisch festgehaltenen Millisekunde unserer Wirklichkeit thematisieren. Was der Schweizer Künstler Franz Gertsch im klassischen Motiv des fotorealistischen Bildes meinte erweitert Giacomo Orth um die flüssig anmutenden Phasen der Zwischenräume, des Fluiden zwischen den alltäglichen Dingen. Der Aufenthalt des Betrachters wird so zur Odyssee des Blickes in den Schraffuren und Gesten. Giacomo Orths Werke sind bereits ebenfalls öffentlich gezeigt und gewürdigt worden und er gibt sein Wissen, wie die anderen Nominierten im Rahmen der künstlerischen Lehre weiter. Der intermediale Rahmen der Position lässt auf weitere spannende Reibung zwischen motivischer Entdeckung und präziser zeichnerischer Ausführung hoffen.
Hannes Schützler lebt in Qualitz und hat in Halle an der Saale Kunstpädagogik und Philosophie studiert. Seine Radierungen prägen in ihrer konsequent stillen Haltung den Grund für das grafische Handeln in dieser Ausstellung. Hannes Schützler stellt die Bedingungen des Materials, das Durchdringen einer grafischen Form und das perfekte Ergebnis als Handabzug in den Vordergrund. Seine Motive sind nicht einfach als Landschaft zu bezeichnen. Es sind im Sinne Handkes poetisierte Beobachtungen der Innenwelt, ausgehend von Betrachtungen der Umgebung. Einfachste Entdeckungen am Wegesrand, Steine, Äste, Senken und Pfützen werden in feinen Strichlagen und Ätzungen zu Zeugen und Artefakten die in den Gegenden ihren selbstverständlichen Aufenthalt markieren. Menschen sucht man in den Gebieten vergebens, jedoch sind überall Spuren der Entscheidungen seiner kleinteiligen Gestaltung sichtbar. Man könnte an die wuchernden Experimente eines Hercules Seghers denken, in längst vergangenen Zeiten und ganz ohne Telekommunikation. Der Mut zum Bekenntnis für eine einzige grafische Technik ist bei Hannes Schützler eng mit dem verstandenen Wert der Bescheidenheit und der Konzentration auf wesentliche Prozesse verbunden, der Preis dafür ist die Stille, die Pause, allein durch die Hingabe an die Radierung. In heutiger Gemengelage der digitalen immer sofort verfügbaren Bildmengen und der Gleichzeitigkeit von social Media sind solche Haltungen durchaus als wahrhaftige Vergewisserung unseres geistigen Vermögens für die kulturelle Zukunft zu verstehen.
Der Raum ist Schauplatz ihres Geschehens. Für Pauline Stopp, Jahrgang 1989 im sächsischen Zschopau ist die Bühne ein Medium, in dem zeichnerische Prozesse ein Risiko bedeuten. Ihr Werdegang ist mit Erfahrungen aus dem textilen Handwerk und der freien künstlerischen Praxis flankiert, ihr Thema ist der menschliche Leib. Findet man sich in der Linie ihrer gestickten Notate auf Bezugsstoff wieder eröffnet sich bei aller raumgreifenden und kindlich hoffnungsfrohen Energie ein sensibles und obsessiv gesetztes Werk welches sich in allen Attributen der menschlichen Körperlichkeit zeigen darf und muss. Ihre Ecce Homo Darstellung auf einer blau karierten Wand ist ein lost place und ein Rettungsnetz zugleich. Pauline Stopps Zeichnungen brauchen den absolut innerlichen Impetus, um dringlich und anmutig, um Botschaft und Wehklage zugleich zu sein. Gerhard Altenbourg konnte nach dem Weltkrieg riesige fürchterliche Menschen als verletzte Landkarten zeichnen, bei Pauline Stopp sind diese gezeichneten Momente wesentlich stiller aber nicht weniger intensiv. Pauline Stopp zeichnet und bestickt ihre Bildräume aus der Erinnerung. Lesbar und spannend sind sie jedoch über das Heute hinaus. Die Konzentration der vier Positionen in einer solchen Ausstellung ist ein weites Feld voller Möglichkeiten und ein Statement für die Grafik. Die Verschränkung der unterschiedlichen Handschriften durch die gemeinsam komponierte Hängung und Installation ist ein Verdienst der KünstlerInnen und an sich schon anerkennungswürdig. Die Vergabe des diesjährigen Kunstpreises für künstlerische Grafik ging an Giacomo Orth.
Ich darf im Namen der Jury dazu noch einmal ganz herzlich gratulieren!
Die Entscheidung war das Ergebnis einer gründlichen Würdigung der nominierten und starken künstlerischen Positionen. Die Kommission hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, aber sich mit Giacomo Orth für einen Künstler entschieden, der die Intensität der Zeichnung mit grafischen zeitgenössischen Verständnis für das heutige, öffentlich partizipielle Medium des Bildes verbindet. Am Schluss möchte ich mich im Namen der Jury bei allen Bewerbern und Bewerberinnen für den Rostocker Kunstpreis für künstlerische Grafik bedanken. Es ist eine Förderung von künstlerischem Wert, an der Bewerbung teilgenommen zu haben. Ihre Arbeiten sind der Kommission bewusst, sind gesehen worden und sicher klappt die Auswahl in den nächsten Preisträgerausstellungen in neuer Konstellation. Die Auswahl für die vier Nominierten hat in diesem Jahr zu einer wirklich geglückten Ausstellung geführt. Wir hoffen bei deren Betrachtung auf Ihre künstlerischen Entdeckungen und den Mut, selbst viele neue Wege zu gehen, Position zu beziehen, der Linie und dem Punkt zu folgen weit ins grafische Gelände hinein.